Avsnitt
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Diese Folge ist dem Pride Month entsprechend queerer Lyrik gewidmet und zeichnet anhand ausgewĂ€hlter Sonette August von Platens einige typische homoerotische Denk- und GefĂŒhlsmuster nach.
August von Platen: Die Sonette - MĂ€nnerschwarm-Verlag
https://www.maennerschwarm.de/buch/die-sonette/
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In dieser Folge geht es um ein Gedicht, das die Mechanismen im Umgang mit der Klimakrise offenlegt. Außerdem wird ein neuer methodischer Zugang zu Lyrik vorgestellt.
Die Kühe sind schuld
Die Kühe sind schuld
am Schlamm am Schlamassel
am maßlosen Regen, hinterlassen
Paarhuferspuren im All
im allgegenwärtigen Klima,
killen den Himmel, die wahren
Sünder, heißt es, seien die Kühe.
Doch die wissen von nichts.
Verlangen nicht viel: Wollen nur grasen,
weiche Nasen ins Grün
drücken, das ihnen blüht,
in Ruhe muhen, Ruhe vor Fliegen,
in Ruhe auf Wappen posiern,
Almen bevölkern und tiefere
Wiesen als Schlumpen
mit Artgenossinnen schunkeln,
Färse sein, Milchkuh
ja, auch mal heilig, aber vor allem:
äsen, mahlen, vier Mägen
hegen, rülpsen und schließlich acht
bis zehn Fladen am Tag fabriziern.
Doch heißt es: Der Bock ist
die Kuh, die Mist baut, wenn sie
verdaut, sie ist wahnsinnig
schädlich fürs Atmosphärische
auf der Methanebene gänzlich
passé. Und sind die Kühe nicht
auch schuld an der Krise? Wir
dekretieren das elfte Gebot: Die Abschaffung
der Kühe tut Not. -
Saknas det avsnitt?
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Weihnachten ist die Zeit der Besinnung, die Zeit der Kinder, auch eine melancholische Zeit und nicht zuletzt eine Zeit der absurden Rituale und nervenaufreibenden Familienfeiern. Anhand von drei Gedichten sollen Schlaglichter auf diese Zeit geworfen werden, wenngleich es sich nicht um die ganz typischen Weihnachtsgedichte 'unterm Tannenbaum' handelt.
Rainer Maria Rilke
Das Karussell
Jardin du Luxembourg
Mit einem Dach und seinem Schatten dreht
sich eine kleine Weile der Bestand
von bunten Pferden, alle aus dem Land,
das lange zögert, eh es untergeht.
Zwar manche sind an Wagen angespannt,
doch alle haben Mut in ihren Mienen;
ein böser roter Löwe geht mit ihnen
und dann und wann ein weiĂer Elefant.
Sogar ein Hirsch ist da, ganz wie im Wald,
nur dass er einen Sattel trĂ€gt und drĂŒber
ein kleines blaues MĂ€dchen aufgeschnallt.
Und auf dem Löwen reitet weià ein Junge
und hĂ€lt sich mit der kleinen heiĂen Hand
dieweil der Löwe ZÀhne zeigt und Zunge.
Und dann und wann ein weiĂer Elefant.
Und auf den Pferden kommen sie vorĂŒber,
auch MĂ€dchen, helle, diesem Pferdesprunge
fast schon entwachsen; mitten in dem Schwunge
schauen sie auf, irgendwohin, herĂŒber â.
Und dann und wann ein weiĂer Elefant.
Und das geht hin und eilt sich, dass es endet,
und kreist und dreht sich nur und hat kein Ziel.
Ein Rot, ein GrĂŒn, ein Grau vorbeigesendet,
ein kleines kaum begonnenes Profil â.
Und manchesmal ein LĂ€cheln, hergewendet,
ein seliges, das blendet und verschwendet
an dieses atemlose blinde Spiel ...Theodor Storm
Weihnachtslied
Vom Himmel bis in die tiefsten KlĂŒfte
ein milder Stern herniederlacht;
vom Tannenwalde steigen DĂŒfte
und kerzenhelle wird die Nacht.Mir ist das Herz so froh erschrocken,
das ist die liebe Weihnachtszeit!
Ich höre fern her Kirchenglocken
mich lieblich heimatlich verlocken
in mÀrchenstille Herrlichkeit.
Ein frommer Zauber hÀlt mich wieder,
anbetend, staunend muĂ ich stehn;
es sinkt auf meine Augenlider
ein goldner Kindertraum hernieder,ich fĂŒhl's, ein Wunder ist geschehn.
Loriot
Advent
Es blaut die Nacht. Die Sternlein blinken.
Schneeflöcklein leisâ niedersinken.
Auf EdeltĂ€nnleins grĂŒnem Wipfel
hĂ€uft sich ein kleiner weiĂer Zipfel.
Und dort, vom Fenster her durchbricht
den dunklen Tann' ein warmes Licht.
Im Forsthaus kniet bei Kerzenschimmer
die Försterin im Herrenzimmer.
In dieser wunderschönen Nacht
hat sie den Förster umgebracht.
Er war ihr bei des Heimes Pflege
seit langer Zeit schon sehr im Wege.
So kam sie mit sich ĂŒberein:
Am Niklasabend soll es sein.
Und als das Rehlein ging zur Ruh',
das HĂ€slein tat die Augen zu,
erlegte sie - direkt von vor'n
- den Gatten ĂŒber Kimm' und Korn.
Vom Knall geweckt rĂŒmpft nur der Hase
zwei-, drei-, viermal die Schnuppernase.
Und ruhet weiter sĂŒĂ im Dunkeln,
Derweil die Sternlein traulich funkeln.
Und in der guten Stube drinnen,
da lÀuft des Försters Blut von hinnen.
Nun muà die Försterin sich eilen,
den Gatten sauber zu zerteilen.
Schnell hat sie ihn bis auf die Knochen
nach Waidmanns Sitte aufgebrochen.
Voll Sorgfalt legt sie Glied auf Glied
- was der Gemahl bisher vermied -
BehĂ€lt ein Teil Filet zurĂŒck,
als festtĂ€gliches BratenstĂŒck.
Und packt zum Schluss - es geht auf vier -
die Reste in Geschenkpapier.
Da dröhnt's von fern wie Silberschellen.
Im Dorfe hört man Hunde bellen.
Wer ist's, der in so tiefer Nacht
im Schnee noch seine Runde macht?
Knecht Ruprecht kommt mit goldânem Schlitten
auf einem Hirsch herangeritten!
»He, gute Frau, habt ihr noch Sachen,
die armen Menschen Freude machen?«
Des Försters Haus ist tief verschneit,
doch seine Frau steht schon bereit:
»Die sechs Pakete, heil'ger Mann,
's ist alles, was ich geben kann!«
Die Silberschellen klingen leise.
Knecht Ruprecht macht sich auf die Reise.
Im Försterhaus die Kerze brennt.
Ein Sternlein blinkt:
Es ist Advent.
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In der heutigen Folge soll erneut ein pazifistisches Gedicht im Mittelpunkt stehen. Es ist nicht das erste auf diesem Kanal, was zeigt, wie wichtig mir das Thema ist. Wichtig einerseits und andererseits erschĂŒtternd, wie wenig der Mensch dazuzulernen scheint, wie blindwĂŒtig er sich anschickt, munter die alten Fehler zu wiederholen und zu wiederholen und zu wiederholen. Das tut aber der GröĂe dieses Textes, der keinesfalls blind, sondern geradezu hellsichtig zu nennen wĂ€re, keinen Abbruch!
Krieg dem Kriege
Sie lagen vier Jahre imSchĂŒtzengraben.
Zeit, groĂe Zeit!
Sie froren und waren verlaust und haben
daheim eine Frau und zwei kleine Knaben,weit, weit â!
Und keiner, der ihnen die Wahrheit sagt.
Und keiner, der aufzubegehren wagt.
Monat um Monat, Jahr um Jahr âŠ
Und wenn mal einer auf Urlaub war,sah er zu Haus die dicken BĂ€uche.
Und es fraĂen dort um sich wie eine Seuche
der Tanz, die Gier, das SchiebergeschÀft.
Und die Horde alldeutscher Skribenten klÀfft:
âKrieg! Krieg!GroĂer Sieg!
Sieg in Albanien und Sieg in Flandern!â
Und es starben die andern, die andern, die andern âŠ
Sie sahen die Kameraden fallen.
Das war das Schicksal bei fast allen:Verwundung, Qual wie ein Tier, und Tod.
Ein kleiner Fleck, schmutzigrot â
und man trug sie fort und scharrte sie ein.
Wer wird wohl der nÀchste sein?
Und ein Schrei von Millionen stieg auf zu den Sternen.Werden die Menschen es niemals lernen?
Gibt es ein Ding, um das es sich lohnt?
Wer ist das, der da oben thront,
von oben bis unten bespickt mit Orden,
und nur immer befiehlt: Morden! Morden! âBlut und zermalmte Knochen und Dreck âŠ
Und dann hieà es plötzlich, das Schiff sei leck.
Der KapitÀn hat den Abschied genommen
und ist etwas plötzlich von dannen geschwommen.
Ratlos stehen die Feldgrauen da.FĂŒr wen das alles? Pro patria?
BrĂŒder! BrĂŒder! SchlieĂt die Reihn!
BrĂŒder! das darf nicht wieder sein!
Geben sie uns den Vernichtungsfrieden,
ist das gleiche Los beschiedenunsern Söhnen und euern Enkeln.
Sollen die wieder blutrot besprenkeln
die AckergrĂ€ben, das grĂŒne Gras?
BrĂŒder! Pfeift den Burschen was!
Es darf und soll so nicht weitergehn.Wir haben alle, alle gesehn,
wohin ein solcher Wahnsinn fĂŒhrt â
Das Feuer brannte, das sie geschĂŒrt.
Löscht es aus! Die Imperialisten,
die da drĂŒben bei jenen nisten,schenken uns wieder Nationalisten.
Und nach abermals zwanzig Jahren
kommen neue Kanonen gefahren. â
Das wÀre kein Friede.
Das wÀre Wahn.Der alte Tanz auf dem alten Vulkan.
Du sollst nicht töten! hat einer gesagt.
Und die Menschheit hörts, und die Menschheit klagt.
Will das niemals anders werden?
Krieg dem Kriege!Und Friede auf Erden.
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Im strengen Sinne ist der Text natĂŒrlich kein Gedicht, auch wenn er sich durch eine ausgeprĂ€gte Sprachrhythmik und hohe Bildlichkeit auszeichet. Ich möchte dieses Manifest des Pazifismus aber gerne mit allen Hörer:innen teilen und hoffe, dass der Text bei allen einen so bleibenden Eindruck hinterlĂ€sst, wie bei mir. In der Folge bleibt es bei der Rezitation - ohne jeden Kommentar, denn der ist ĂŒberflĂŒssig!
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Am Beispiel von Johannes R. Bechers Gedicht "Ballade von den dreien" erklÀre ich, wie man vorgeht, um ein Gedicht vorzutragen.
Ballade von den dreien
Der Offizier rief: âGrabt den Juden ein!"
Der Russe aber sagte trotzig: âNein!"
Da stellten sie den in das Grab hinein.
Der Jude aber blickte trotzig: âNein!"
Der Offizier rief: âGrabt die beiden ein!"
Ein Deutscher trat hervor und sagte: âNein!"
Der Offizier rief: âStellt ihn zu den zwein!
Grabt ihn mit ein! Das will ein Deutscher sein!"
Und Deutsche gruben auch den Deutschen ein... -
In der zweiten Folge zu Rainald Grebe geht es schwerpunktmĂ€Ăig um seinen genresprengenden Roman 'Global Fish' von 2006. Hier gibt es keine klare Abgrenzung von Epik, Lyrik oder Dramatik - in den Roman sind immer wieder kleine Gedichte und Lieder, die der Autor auch vertont hat, eingebaut.
Ein zentraler Reflexionstext des Romans ist das folgende Gedicht:
An Deck machte ichmir Gedanken
FĂŒhrteSelbstgesprĂ€che zum Thema: Worum geht es.
Es geht doch darum, sagteich laut,
wenn ich michunbeobachtet fĂŒhlte,
darum, wirklich waszu erleben.
Darum geht es.
Nicht nuroberflÀchlich, so und so, hier und da,
sondern wirklich zuerleben,
was unter die Hautgeht wie ein Tattoo.
Ich will mit Frauenaus fĂŒnf Kontinenten schlafen,
alle Drogenausprobieren, die es gibt,
dann sehr gesundleben,
enthaltsam wie einHeiliger,
dass ich alt werdenkann
wie Goethe oderNelson Mandela.
Lernen, schaffen,hinterlassen,
Familie, Kinder,Enkel,
Kunst, Wissenschaftund Leben,
den ganzen Globuskennen und den Mond.
Wirklich gebildetwill ich werden,
ein Bild von einemMenschen,
mein Leben, sagteich laut,
wird ein langerEntwicklungsroman
und auf demBuchrĂŒcken steht:
Dieser Junge hatsich sehr gut entwickelt.
Weitere Lieder werden in der Folge angespielt. Ich verweise aber gerne erneut auf den reichen Fundus an weiteren Aufnahmen, die auf Youtube zu finden sind.
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Wie funktionieren politische Texte? Was sind ihre Strategien? Das wird in dieser Folge an 4 Beispielen gezeigt.
Die ersten beiden Texte sind von Gottfried August BĂŒrger (der Bauer an seinen durchlauchtigen Tyann) und Christian FĂŒrchtegott Gellert (das Kutschpferd). Ich kann sie hier leider nicht vollumfĂ€nglich zitieren, da die Shownotes auf 4000 Zeichen begrenzt sind.
DafĂŒr aber im Folgenden die anderen beiden Texte in ganzer LĂ€nge:
Theodor Fontane
Berliner Republikaner (um 1841)
Berliner Jungen scharten sich
Vor einiger Zeit allabendlich
Nicht weit vom Kupfergraben
Und sangen gottserbĂ€rmlich:âWir brauchen keenen Kenig nich,
Wir wollen keenen haben!â
Da endlich packt ein FuĂgendarm
Nicht eben allzuzart am Arm
Den allergröĂten Jungen,Und spricht: âHe, Bursch, juckt dir das Fell,
Du Tausendsapperments-Rebell?
Was hast du da gesungen?â
Doch der Berliner comme il faut
Erwidert: âHab Er sich nicht so,Und laĂ Er sich begraben;
Wozu denn gleich so Àngstiglich,
Wir brauchen keenen Kenig nich,
Weil wir schon eenen haben!âGĂŒnter Grass
Was gesagt werden muss (2012)
Warum schweige ich, verschweige zu lange,
was offensichtlich ist und in Planspielen
geĂŒbt wurde, an deren Ende als Ăberlebende
wir allenfalls FuĂnoten sind.Es ist das behauptete Recht auf den Erstschlag,
der das von einem Maulhelden unterjochte
und zum organisierten Jubel gelenkte
iranische Volk auslöschen könnte,
weil in dessen Machtbereich der Bau
einer Atombombe vermutet wird.
Doch warum untersage ich mir,
jenes andere Land beim Namen zu nennen,
in dem seit Jahren - wenn auch geheimgehalten -
ein wachsend nukleares Potential verfĂŒgbar
aber auĂer Kontrolle, weil keiner PrĂŒfung
zugÀnglich ist?
Das allgemeine Verschweigen dieses Tatbestandes,
dem sich mein Schweigen untergeordnet hat,
empfinde ich als belastende LĂŒge
und Zwang, der Strafe in Aussicht stellt,
sobald er miĂachtet wird;
das Verdikt "Antisemitismus" ist gelÀufig.
Jetzt aber, weil aus meinem Land,
das von ureigenen Verbrechen,
die ohne Vergleich sind,
Mal um Mal eingeholt und zur Rede gestellt wird,
wiederum und rein geschĂ€ftsmĂ€Ăig, wenn auch
mit flinker Lippe als Wiedergutmachung deklariert,
ein weiteres U-Boot nach Israel
geliefert werden soll, dessen SpezialitÀt
darin besteht, allesvernichtende Sprengköpfe
dorthin lenken zu können, wo die Existenz
einer einzigen Atombombe unbewiesen ist,
doch als BefĂŒrchtung von Beweiskraft sein will,
sage ich, was gesagt werden muĂ.
Warum aber schwieg ich bislang?
Weil ich meinte, meine Herkunft,
die von nie zu tilgendem Makel behaftet ist,
verbiete, diese Tatsache als ausgesprochene Wahrheit
dem Land Israel, dem ich verbunden bin
und bleiben will, zuzumuten.
Warum sage ich jetzt erst,
gealtert und mit letzter Tinte:
Die Atommacht Israel gefÀhrdet
den ohnehin brĂŒchigen Weltfrieden?
Weil gesagt werden muĂ,
was schon morgen zu spÀt sein könnte;
auch weil wir - als Deutsche belastet genug -
Zulieferer eines Verbrechens werden könnten,
das voraussehbar ist, weshalb unsere Mitschuld
durch keine der ĂŒblichen Ausreden
zu tilgen wÀre.
Und zugegeben: ich schweige nicht mehr,
weil ich der Heuchelei des Westens
ĂŒberdrĂŒssig bin; zudem ist zu hoffen,
es mögen sich viele vom Schweigen befreien,
den Verursacher der erkennbaren Gefahr
zum Verzicht auf Gewalt auffordern und
gleichfalls darauf bestehen,
daĂ eine unbehinderte und permanente Kontrolle
des israelischen atomaren Potentials
und der iranischen Atomanlagen
durch eine internationale Instanz
von den Regierungen beider LĂ€nder zugelassen wird.
Nur so ist allen, den Israelis und PalÀstinensern,
mehr noch, allen Menschen, die in dieser
vom Wahn okkupierten Region
dicht bei dicht verfeindet leben
und letztlich auch uns zu helfen. -
In diesem zweiten Teil wird die Lyrikaufgabe aus dem Nachschreibepool fĂŒr Niedersachsen 2023 besprochen. AuĂerdem teste ich in dieser Folge ChatGPT als Interpretationsassistenten auf Herz und Nieren.
Erich KĂ€stner
Das Eisenbahngleichnis
Wir sitzen alle im gleichen Zug
und reisen quer durch die Zeit.
Wir sehen hinaus. Wir sahen genug.
Wir fahren alle im gleichen Zug.
Und keiner weiĂ, wie weit.Ein Nachbar schlĂ€ft, ein andrer klagt,
ein dritter redet viel.
Stationen werden angesagt.
Der Zug, der durch die Jahre jagt,
kommt niemals an sein Ziel.Wir packen aus, wir packen ein.
Wir finden keinen Sinn.
Wo werden wir wohl morgen sein?
Der Schaffner schaut zur TĂŒr herein
und lÀchelt vor sich hin.Auch er weià nicht, wohin er will.
Er schweigt und geht hinaus.
Da heult die Zugsirene schrill!
Der Zug fÀhrt langsam und hÀlt still.
Die Toten steigen aus.Ein Kind steigt aus, die Mutter schreit.
Die Toten stehen stumm
am Bahnsteig der Vergangenheit.
Der Zug fÀhrt weiter, er jagt durch die Zeit,
und keiner weiĂ, warum.Die erste Klasse ist fast leer.
Ein feister Herr sitzt stolz
im roten PlĂŒsch und atmet schwer.
Er ist allein und spĂŒrt das sehr.
Die Mehrheit sitzt auf Holz.Wir reisen alle im gleichen Zug
zur Gegenwart in spe.
Wir sehen hinaus. Wir sahen genug.
Wir sitzen alle im gleichen Zug
und viele im falschen Coupé.Franz Kafka
Im Tunnel
Wir sind, mit dem irdisch befleckten Auge gesehn, in der Situation von Eisenbahnreisenden, die in einem langen Tunnel verunglĂŒckt sind, und zwar an einer Stelle, wo man das Licht des Anfangs nicht mehr sieht, dasLicht des Endes aber nur so winzig, dass der Blick es immerfort suchen muss und immerfort verliert, wobei Anfang und Ende nicht einmal sicher sind. Rings um uns aber haben wir in der Verwirrung der Sinne oder in derHöchstempfindlichkeit der Sinne lauter Ungeheuer und ein je nach der Laune und Verwundung des Einzelnen entzĂŒckendes oder ermĂŒdendes kaleidoskopisches Spiel. Was soll ich tun? oder: Wozu soll ich es tun? sind keine Fragen dieser Gegenden.
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Das NiedersĂ€chsische Deutschabitur ist geschrieben und kontrolliert - jetzt ist wieder Zeit fĂŒr Lyrikschule! Und aus gegebenem Anlass werfen wir einen Blick auf eben jene Lyriktexte, die das Abitur bereithielt. Ein moderner und ein klassischer Text sollen verglichen werden. Beide haben ein lyrisches Subjekt im Zentrum, das nach der Stille und Abgeschiedenheit einsamer Orte sucht. Warum? Bleibt spekulativ. Ist das die groĂe Kunst, ist das der MaĂstab, an dem sich ein Abitur bemessen lĂ€sst? Wir werden sehen ...
Helga M. Novak
HĂUSER
Landschaft Erde Natur
alles weiblich
dahin will ich gehen
wo es trostlos ist
dahin will ich gehen
wo nichts ist
Natur und unangetastet
und werde in aller Stille
ein Haus bauen
ein Haus beziehen
und werde es â ungeliebt
und unfĂ€hig zu lieben â
mit meiner maĂlosen
Liebe entzĂŒnden
auch diese Nacht geht vorbei
und keiner kommt
und reiĂt meine ZĂ€une ein
siehst du die gelbe verrostete Bank
auf der werde ich sitzen
wenn ich nicht weiter weiĂ
also fĂŒr immer wie eine
der die Augen ĂŒbergegangen sind
Nikolaus Lenau
Einsamkeit
Wild verwachsne dunkle Fichten,
Leise klagt die Quelle fort;
Herz, das ist der rechte Ort
FĂŒr dein schmerzliches Verzichten!
Grauer Vogel in den Zweigen!
Einsam deine Klage singt,
Und auf deine Frage bringt
Antwort nicht des Waldes Schweigen.
Wennâs auch immer schweigen bliebe,
Klage, klage fort; es weht,
Der dich höret und versteht,
Stille hier der Geist der Liebe.
Nicht verloren hier im Moose,
Herz, dein heimlich Weinen geht,
Deine Liebe Gott versteht,
Deine tiefe, hoffnungslose!
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Die PhĂ€nomene der GroĂstadt sind seit der Literaturepoche des Expressionismus fester Bestandteil der deutschen Lyrik. HĂ€ufig wird die GroĂstadt negativ bewertet, aber es gibt auch Ambivalenzen, insbesondere in zeitgenössischen Texten. Ich fĂŒhre das an Paul Boldts Klassiker "Auf der Terrasse des CafĂ© Josty" vor und vergleiche dieses mit "Schwarz zu Blau" von Peter Fox und "Aufs Land" von Rainald Grebe.
Auf der Terrasse des Café Josty
Der Potsdamer Platz in ewigem GebrĂŒll
Vergletschert alle hallenden Lawinen
Der StraĂentrakte: Trams auf Eisenschienen,
Automobile und den MenschenmĂŒll.
Die Menschen rinnen ĂŒber den Asphalt,
Ameisenemsig, wie Eidechsen flink.
Stirne und HĂ€nde, von Gedanken blink,
Schwimmen wie Sonnenlicht durch dunklen Wald.
Nachtregen hĂŒllt den Platz in eine Höhle,
Wo FledermĂ€use, weiĂ, mit FlĂŒgeln schlagen
Und lila Quallen liegen - bunte Ăle;
Die mehren sich, zerschnitten von den Wagen. â
Aufspritzt Berlin, des Tages glitzernd Nest,
Vom Rauch der Nacht wie Eiter einer Pest. -
Dass wir nicht frei sind im Leben, ist kein Gedanke der Neuzeit. Aber Enzensberger dekliniert die Unfreiheit des Menschen in seinem Gedicht geburtsanzeige so radikal durch, wie kaum ein anderer und zeigt, dass der Mensch von der Wiege bis zur Bahre ein determiniertes Wesen ist. Ihm werden Religion, ökonomische ZwÀnge und gesellschaftliche Verpflichtungen oktroyiert. Ob man sich dagegen wehren kann? Wer weià ... vielleicht, indem man Lyrik liest.
geburtsanzeige
wenn dieses bĂŒndel auf die welt geworfen wird
die windeln sind noch nicht einmal gesÀumt
der pfarrer nimmt das trinkgeld eh ers tauft
doch seine trÀume sind lÀngst ausgetrÀumt
es ist verraten und verkauft
wenn es die zange noch am schÀdel packt
verzehrt der arzt bereits das huhn das es bezahlt
der hÀndler zieht die tratte und es trieft
von tinte und von blut der stempel prahlt
es ist verzettelt und verbrieft
wenn es im sĂŒĂlichen gestank der klinik plĂ€rrt
beziffern die strategen schon den tag
der musterung des mords der scharlatan
drĂŒckt seinen daumen unter den vertrag
es ist versichert und vertan
noch wiegt es wenig hĂ€Ălich rot und zart
wieviel es netto abwirft welcher richtsatz gilt
was man es lehrt und was man ihm verbirgt
die zukunft ist vergriffen und gedrillt
es ist verworfen und verwirkt
wenn es mit krummer hand die luft noch fremd begreift
steht fest was es bezahlt fĂŒr milch und telefon
der gastarif wenn es im grauen bett erstickt
und fĂŒr das weib das es dann wĂ€scht der lohn
es ist verbucht verhÀngt verstrickt
wenn nicht das bĂŒndel das da jault und greint
die grube ĂŒberhĂ€uft den groll vertreibt
was wir ihm zugerichtet kalt zerrauft
mit unerhörter schrift die schiere zeit beschreibt
ist es verraten und verkauft.
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Walther von der Vogelweide ist fraglos der bekannteste deutsche MinnesÀnger und wenn in der Schule bereits ein Text von ihm gelesen wird, dann am ehesten wohl das 'Lindenlied'. Doch warum eigentlich? Was zeichnet diesen Text aus, dass er sich als kanonisch etablieren konnte?
GroĂe Heidelberger Liederhandschrift (Codex Manesse):
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/cpg848/0256/image,info
Under der linden
Under der linden
an der heide,
dĂą unser zweier bette was,
DĂą muget ir vinden
schĂŽne beide
gebrochen bluomen unde gras.
Vor dem walde in einem tal,
tandaradei,
schĂŽne sanc diu nahtegal.Ich kam gegangen
zuo der ouwe:
dĂŽ was mĂźn friedel komen ĂȘ.
DĂą wart ich empfangen,
hĂȘre frouwe,
daz ich bin saelic iemer mĂȘ.
Kuster mich? wol tûsentstunt:
tandaradei,
seht wie rĂŽt mir ist der munt.DĂŽ het er gemachet
alsĂŽ rĂźche
von bluomen eine bettestat.
Des wirt noch gelachet
inneclĂźche,
kumt iemen an daz selbe pfat.
BĂź den rĂŽsen er wol mac,
tandaradei,
merken wĂą mirz houbet lac.Daz er bĂź mir laege,
wessez iemen
(nu enwelle got!), sĂŽ schamt ich mich.
Wes er mit mir pflaege,
niemer niemen
bevinde daz, wan er und ich.
Und ein kleinez vogellĂźn:
tandaradei,
daz mac wol getriuwe sĂźn. -
Kann ein Computer Kunst erzeugen? Lesen wir in Zukunft nicht mehr Goethe, Brecht und Kaléko, sondern KI-Kunst? In dieser Folge teste ich einige Befehle mit der gerade ziemlich heiß diskutierten KI 'ChatGPT'.
Ich empfehle hier, auch das Youtube-Video anzusehen, da dort auch KI-generierte Bilder zu sehen sein werden! Link: https://youtu.be/S7e0-S5XdrM
Zwei der Gedichte, die die KI mir geliefert hat - jeweils der erste Versuch (!):
"Verloren in Gedanken"
Ich sitze hier allein, in Dunkelheit gehüllt,
umgeben von Worten, die ich einst liebte.
Doch jetzt erfüllen sie mich nur noch mit Schmerz,
denn sie erinnern mich an die Liebe, die ich verlor.
Ich durchblättere Seiten voller Poesie,
die einst mein Herz zum Schwingen brachten.
Doch jetzt sind sie nur noch Erinnerungen
an eine Liebe, die für immer verloren ist.
Ich suche Trost in Worten, die ich einst verstand,
doch jetzt scheinen sie nur noch leer und sinnlos.
Ich bin verloren in Gedanken,
die mich quälen, seit ich dich verlor.
Ich schreibe meine eigenen Worte,
um meine Trauer auszudrücken,
meine Sehnsucht nach Liebe,
die ich nie wieder finden werde.
Aber vielleicht, irgendwann,
wird die Poesie mich wieder trösten,
und ich werde meine Wunden heilen
und meine Seele wieder finden.
"Lost in Thought"
Alone I sit in darkness drear,
Surrounded by the words I hold dear.
But now they bring me only pain,
Reminding me of love in vain.
I flip through pages of poetry,
Once filled my heart with ecstasy.
But now they're just a memory
Of love that's lost, eternally.
I seek solace in words I knew,
But now they seem so hollow too.
Lost in thought, I'm feeling blue,
Since losing you, my heart's askew.
I write my own, to express
My sorrow, my loneliness,
My longing for love, I confess,
But it's a love I'll never possess.
Perhaps one day, the poetry
Will bring me solace, set me free,
And I'll heal my wounds, you'll see,
And find my soul, eventually. -
Robert Gernhardt wird gerne in die Tradition Wilhelm Buschs gestellt und das zurecht, hat er mit diesem doch den satirischen Tonfall und die Doppelbegabung als Dichter und Zeichner gemein. Man verkennt Gernhardt aber, wenn man ihn darauf reduziert. Sein Werk kennt auch existenzielle Themen, wie am Beispiel zweier Gedichte zum Thema 'Körper' gezeigt werden soll.
Siebenmal mein Körper
Mein Körper ist ein schutzlos Ding,
wie gut, daĂ er mich hat.
Ich hĂŒlle ihn in Tuch und Garn
und mach ihn tÀglich satt.Mein Körper hat es gut bei mir,
ich geb' ihm Brot und Wein.
Er kriegt von beidem nie genug,
und nachher muà er spein.Mein Körper hÀlt sich nicht an mich,
er tut, was ich nicht darf.
Ich wÀrme mich an Bild, Wort, Klang,
ihn machen Körper scharf.Mein Körper macht nur, was er will,
macht Schmutz, SchweiĂ, Haar und Horn.
Ich wasche und beschneide ihn
von hinten und von vorn.Mein Körper ist voll Unvernunft,
ist gierig, faul und geil.
TagtÀglich geht er mehr kaputt,
ich mach ihn wieder heil.Mein Körper kennt nicht Maà noch Dank,
er tut mir manchmal weh.
Ich bring ihn trotzdem ĂŒbern Berg
und fahr ihn an die See.Mein Körper ist so unsozial.
Ich rede, er bleibt stumm.
Ich leb ein Leben lang fĂŒr ihn.
Er bringt mich langsam um.Noch einmal: Mein Körper
Mein Körper rÀt mir:
Ruh dich aus!
Ich sage: Mach ich,
altes Haus!Denk aber: Ach, der
siehtÂŽs ja nicht!
Und schreibe heimlich
dies Gedicht.Da sagt mein Körper:
Na, na, na!
Mein guter Freund,
was tun wir da?Ach gar nichts! sag ich
aufgeschreckt,
und denk: Wie hat er
das entdeckt?Die Frage scheint recht
schlicht zu sein,
doch ihre Schlichtheit
ist nur Schein.Sie lĂ€Ăt mir seither
keine Ruh:
Wie weià mein Körper
was ich tu? -
Rainald Grebe ist seit vielen Jahren einer meiner Lieblingsautoren. In dieser Folge stelle ich den Theater- und Liedermacher, aber auch den Romanautor Grebe vor und werfe ein paar Schlaglichter auf einige meiner liebsten Lieder von ihm.
Auf Youtube finden sich die meisten Songs von Grebe, es lohnt zu stöbern!
AuĂerdem sei auf seine Homepage mit aktuellen Terminen verwiesen: https://rainald-grebe.de/
Zum vertieften Weiterlesen empfehle ich die folgenden AufsÀtze:
Tilman Venzl (2022): »Sehnsucht nach einer geordneten Welt«. Rainald Grebes Lob der Ratlosigkeit - https://textpraxis.net/tilman-venzl-sehnsucht
Tilman Venzl (2021): Der flexible Mensch auf hoher See. Zu Rainald Grebes Roman Global Fish - https://hrcak.srce.hr/file/394458
Johannes Thiele (2017): Rainald Grebe im Deutschunterricht.
Johannes Thiele (2018): Kunst in der Schwebe [samt Interview mit Grebe] - http://litlog.uni-goettingen.de/kunst-in-der-schwebe/
Gerrit Lembke (2010): Poetik der Einebnung: Zur Amalgamierung von Raum und Zeit in den Liedern Rainald Grebes. "Zeitmaschine" und "Guido Knopp" - https://www.academia.edu/8344027/Poetik_der_Einebnung_Zur_Amalgamierung_von_Raum_und_Zeit_in_den_Liedern_Rainald_Grebes_Zeitmaschine_und_Guido_Knopp_2010_
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Hans Magnus Enzensberger ist gestorben und aus diesem Grund lassen wir seine Texte aufleben. Gerade der Text 'Zur Frage der Reinkarnation' offenbart uns einige ganz entscheidende Facetten, wenn es um Enzensbergers Denken, um sein VerhÀltnis zur Natur und zur Menschheit geht.
Enzensberger
Zur Frage der ReinkarnationDie Fliege stört mich.
Ich betrachte die Fliege,
beschreibe sie,
wie sie die Taster rĂŒhrt,
die dreigliedrigen,
dicht gefiederten FĂŒhler,
wie sie sucht, saugt, schöpft
mit den fleischigen Endlippen
ihres RĂŒssels. Die FlĂŒgel,
aschgrau geÀdert,
glÀnzend geschuppt,
flimmern im Licht.
Tarsen 1, Klauen, Borsten
zittern vor Energie.
Mit den zweimal viertausend Linsen
ihrer riesigen Augen
betrachtet sie mich.
Wie behaart sie ist!
Es stört sie nicht,
dass ich sie beschreibe.
Der anderen Fliege, hier,
auf meinem Tisch, im Bernstein,
die keinen von uns gestört hat,
gleicht sie aufs Haar, aufs Haar.
Wie ist sie zurĂŒckgekehrt,
nach aberhundert Millionen
Geschlechterfolgen?
Vollkommen unverÀndert vibriert
ihr schwarz gewĂŒrfelter Hinterleib.
Sie stört mich.
Ich verscheuche sie â
diese, nicht jene Fliege.
Bei ihrer nÀchsten Wiederkehr
wird niemand mehr dasein,
um zu beschreiben,
wie die Fliege der Fliege gleicht.
Es stört mich nicht,
dass kein Mensch dasein wird,
um sie zu verscheuchen.Brockes
Die kleine FliegeNeulich sah ich, mit Ergetzen,
Eine kleine Fliege sich,
Auf ein Erlen-BlÀttchen setzen,
Deren Form verwunderlich
Von den Fingern der Natur,
So an FarbâČ, als an Figur,
Und an bunten Glantz gebildet.
Es war ihr klein Köpfgen grĂŒn,
Und ihr Körperchen vergĂŒldet,
Ihrer klaren FlĂŒgel Paar,
Wenn die Sonne sie beschien,
FĂ€rbt ein Roth fast wie Rubin,
Das, indem es wandelbar,
Auch zuweilen blÀulich war.
Liebster Gott! wie kann doch hier
Sich so mancher Farben Zier
Auf so kleinem Platz vereinen,
Und mit solchem Glantz vermÀhlen,
DaĂ sie wie Metallen scheinen!
Rief ich, mit vergnĂŒgter Seelen.
Wie so kĂŒnstlich! fiel mir ein,
MĂŒssen hier die kleinen Theile
In einander eingeschrenckt,
durch einander hergelenckt
Wunderbar verbunden seyn!
Zu dem Endzweck, daĂ der Schein
Unsrer Sonnen und ihr Licht,
Das so wunderbarlich-schön,
Und von uns sonst nicht zu sehn,
Unserm forschenden Gesicht
Sichtbar werd, und unser Sinn,
Von derselben Pracht gerĂŒhret,
Durch den Glantz zuletzt dahin
Aufgezogen und gefĂŒhret,
Woraus selbst der Sonnen Pracht
Erst entsprungen, der die Welt,
Wie erschaffen, so erhÀlt,
Und so herrlich zubereitet.
Hast du also, kleine Fliege,
Da ich mir an die vergnĂŒge,
selbst zur Gottheit mich geleitet.
-
Heute geht es um Johannes R. Becher, einen der wichtigsten Dichter der frĂŒhen DDR. Wie wurde er zu dem Schriftsteller, der Schreiben und Politik als untrennbar begriff? In dieser Folge blicken wir auf einen frĂŒhen Text von ihm, in dem schon der Keim fĂŒr die spĂ€tere Entwicklung in Bechers Biografie zu sehen ist.
Vorbereitung
Der Dichter meidet strahlende Akkorde.
Er stöĂt durch Tuben, peitscht die Trommel schrill.
Er reiĂt das Volk auf mit gehackten SĂ€tzen.Ich lerne. Ich bereite vor. Ich ĂŒbe mich.
Wie arbeite ich â hah leidenschaftlichst! â
Gegen mein noch unplastisches Gesicht â:
Falten spanne ich. Die Neue Welt
(â eine solche: die alte, die mystische, die Welt der Qual austilgend â)
Zeichne ich, möglichst korrekt, darin ein.
Eine besonnte, eine Ă€uĂerst gegliederte, eine geschliffene Landschaft schwebt mir vor,
Eine Insel glĂŒckseliger Menschheit.
Dazu bedarf es viel. (Das weià er auch lÀngst sehr wohl.)O TrinitÀt des Werks: Erlebnis Formulierung Tat.
Ich lerne. Bereite vor. Ich ĂŒbe mich.⊠bald werden sich die Sturzwellen meiner SĂ€tze zu einer unerhörten Figur verfĂŒgen.
Reden. Manifeste. Parlament. Das sprĂŒhende politische Schauspiel. Der Experimentalroman.
GesĂ€nge von TribĂŒnen herab vorzutragen.Menschheit! Freiheit! Liebe!
Der neue, der Heilige Staat
Sei gepredigt, dem Blut der Völker, Blut von ihrem Blut, eingeimpft.
Restlos sei er gestaltet.
Paradies setzt ein.
â LaĂt uns die Schlagwetter-AtmosphĂ€re verbreiten! â
Lernt! Vorbereitet! Ăbt euch! -
Am Ende des Sommers ĂŒberkommt uns hĂ€ufig ein gewisses GefĂŒhl der Melancholie. Wir halten fest an den EindrĂŒcken, die wir erlebt haben. Auf besonders kunstvolle Weise hat Gottfried Benn diesen Moment in Worte gebannt.
D-Zug
Braun wie Kognak. Braun wie Laub. Rotbraun.
Malaiengelb.
D-Zug Berlin - Trelleborg und die OstseebĂ€der. â
Fleisch, das nackt ging.
Bis in den Mund gebrÀunt vom Meer.
Reif gesenkt. Zu griechischem GlĂŒck.
In Sichel-Sehnsucht: wie weit der Sommer ist!
Vorletzter Tag des neunten Monats schon! â
Stoppel und letzte Mandel lechzt in uns.
Entfaltungen, das Blut, die MĂŒdigkeiten,
Die GeorginennĂ€he macht uns wirr. â
MĂ€nnerbraun stĂŒrzt sich auf Frauenbraun:
Eine Frau ist etwas fĂŒr eine Nacht.
Und wenn es schön war, noch fĂŒr die nĂ€chste!
Und dann wieder dies Bei-sich-selbst-sein!
Diese Stummheiten. Dies Getriebenwerden!
Eine Frau ist etwas mit Geruch.
UnsÀgliches. Stirb hin. Resede.
Darin ist SĂŒden, Hirt und Meer.
An jedem Abhang lehnt ein GlĂŒck. â
Frauenhellbraun taumelt an MĂ€nnerdunkelbraun:
Halte mich! Du, ich falle!
Ich bin im Nacken so mĂŒde.
O dieser fiebernde sĂŒĂe
Letzte Geruch aus den GĂ€rten. â
-
Ist das ein Gedicht? Kann Juristerei Lyrik sein? Und was hat das mit der 68er-Revolution zu tun? Diese Fragen werden im Zusammenhang mit Peter Handkes Text gestellt und beantwortet.
Die drei Lesungen des Gesetzes
1.
Jeder StaatsbĂŒrger hat das Recht â Beifall
seine Persönlichkeit frei zu entfalten â Beifall
insbesondere hat er das Recht auf:
Arbeit â Beifall
Freizeit â Beifall
FreizĂŒgigkeit â Beifall
Bildung â Beifall
Versammlung â Beifall
sowie auf Unantastbarkeit der Person â starker Beifall
2.
Jeder StaatsbĂŒrger hat das Recht â Beifall
im Rahmen der Gesetze seine Persönlichkeit frei zu entfalten â Rufe: Hört! Hört!
insbesondere hat er das Recht auf Arbeit entsprechend den gesellschaftlichen Erfordernissen â Unruhe, Beifall
auf Freizeit nach MaĂgabe seiner gesellschaftlich notwendigen Arbeitskraft âZischen, Beifall, amĂŒsiertes Lachen, Unruhe
auf FreizĂŒgigkeit, ausgenommen die FĂ€lle, in denen eine ausreichende Lebensgrundlage nicht vorhanden ist und der Allgemeinheit daraus besondere Lasten entstehen wĂŒrden schwacher Beifall, höhnisches Lachen, Scharren,Unruhe
auf Bildung, soweit die ökonomischen VerhĂ€ltnisse sie sowohl zulassen als auch nötig machen Rufe, TĂŒrenschlagen, höhnischer Beifall
auf Versammlung nach MaĂgabe der UnterstĂŒtzung der Interessen der Mitglieder der Allgemeinheit LĂ€rm, vereinzelte Bravorufe, Protestklatschen, Rufe wie: Endlich! oder: Das hat uns noch gefehlt!, Trampeln, GebrĂŒll, Platzen von PapiertĂŒten
sowie auf Unantastbarkeit der Person â Unruhe und höhnischer Beifall.
3.
Jeder StaatsbĂŒrger hat das Recht, im Rahmen der Gesetze und der guten Sitten seine Persönlichkeit frei zu entfalten, insbesondere hat er das Recht auf Arbeit entsprechend den wirtschaftlichen und sittlichen GrundsĂ€tzen der Allgemeinheit â das Recht auf Freizeit nach MaĂgabe der allgemeinen wirtschaftlichen Erfordernisse und den Möglichkeiten eines durchschnittlich leistungsfĂ€higen BĂŒrgers â das Recht auf FreizĂŒgigkeit, ausgenommen die FĂ€lle, in denen eine ausreichende Lebensgrundlage nicht vorhanden ist und der Allgemeinheit dadurch besondere Lasten entstehen wĂŒrden oder aber zur Abwehr einer drohenden Gefahr fĂŒr den Bestand der Allgemeinheit oder zum Schutz vor sittlicher und leistungsabtrĂ€glicher Verwahrlosung oder zur Erhaltung eines geordneten Ehe-, Familien- und Gemeinschaftslebens das Recht auf Bildung, soweit sie fĂŒr den wirtschaftlich-sittlichen Fortschritt der Allgemeinheit sowohl zutrĂ€glich als auch erforderlich ist und soweit sie nicht Gefahr lĂ€uft, den Bestand der Allgemeinheit in ihren Grundlagen und Zielsetzungen zu gefĂ€hrden âdas Recht auf Versammlung nach MaĂgabe sowohl der Festigung als auch des Nutzens der Allgemeinheit und unter BerĂŒcksichtigung von Seuchengefahr, Brandgefahr und drohenden Naturkatastrophen sowie das Recht auf Unantastbarkeit der Person.
Allgemeiner stĂŒrmischer, nicht enden wollender Beifall.
- Visa fler